ssst – mit beschwichtigenden Handbewegungen signalisiert Friedrich Glorian der Menge hinter ihm, dass jetzt die Zeit für leisere Töne ist. Die Trommler reagieren prompt, Hände und Schlegel treffen gedämpfter auf die Membranen und das wuchtige Getöse wird zu einem ruhigen und eindringlichen Pulstrommeln.
Es ist früher Samstagabend und in der Freiburger Innenstadt führt der Rhythmus Regie. Die Teilnehmer des fünftägigen internationalen Rahmentrommelfestivals „Tamburi Mundi“ haben sich vom Wiehrebahnhof auf den Weg zum Stühlinger Kirchplatz gemacht, um dort mit einem „Drum Circle“ das Treffen zu beenden. Bereits wenige hundert Meter nach dem Start des Trommlerzuges haben sich unzählige Fans eingefunden, die bis zum Schluss jeden Rhythmus mitklatschen werden. Etwa auf der Höhe der Johanneskirche stößt Nathalie Seeger hinzu. „Ich bin hier bei einer Freundin zu Besuch, wir waren gerade beim Kaffeetrinken und plötzlich wurde es laut“, erzählt die Soziologie-Studentin aus Berlin. „Ich habe mir einfach das Tamburin geschnappt und mach’ jetzt mit.“
Ein Tamburin hat nicht jeder im Handgepäck, der sich von dem fröhlichen Zug anstecken lässt, doch Begeisterung macht erfinderisch: Beim Zwischenstopp am Bertolds-brunnen klopft eine ältere Dame mit dem Schirm aufs Pflaster und ein Pärchen bearbeitet mit Wonne einen Abfalleimer. Nach fulminanten Trommel-Crescendi und -Soli genießt die etwa 40-köpfige Trommler-Truppe ihren Applaus und teilt sich noch einmal in vier kleinere Gruppen, um die Freiburger so – dem Rattenfänger von Hameln gleich – zum „Drum Circle“ zu locken. Es glückt: Nachdem alle Trommler über die blaue Wiwili-Brücke auf die Wiese vor der Herz-Jesu-Kirche gepilgert sind, stehen fast 250 Menschen in einem Kreis. Trommeln werden verteilt, Taschen abgestellt und Kinder dem Papa auf den Arm gedrückt. Los geht’s.
...Der Ulmer Percussionist Friedrich Glorian wirbelt wie ein Derwisch in der Mitte des Kreises, immer wieder innehaltend, um die Mittrommler mimisch und mit Gesten zu dirigieren. Wer mit beiden Beinen fest auf dem Rasen steht, spürt die Vibrationen in jedem Muskel, nicht mitzuklatschen ist quasi unmöglich. Selbst der distinguierte Herr im Anzug, der seiner Gattin ein wenig befremdet zuschaut, wie sie strahlend auf ihre Trommel einschlägt, kann sich ein dezentes Wippen mit dem linken Fuß nicht verkneifen.
Kastagnetten verfeinern die dumpfen Schläge, einzelne Trommlerinnen lassen ihrer Freude mit indianischem Geheul freien Lauf. Und Nathalie Seeger schwingt selig ihr Tamburin. Ziemlich aus der Puste – denn Trommeln ist auch körperlich anstrengend – wird sie nach einem zwanzigminüten Kollektivgetrommel später sagen: „Freiburg ist echt cool. Ich hoffe, das gibt’s auch mal in Berlin.“
Claudia Füßler
